Ist wissenschaftliches Arbeiten „praxistauglich“?

Im Rahmen eines aktuellen Seminars wurde ich mit der Meinung konfrontiert, dass die wissenschaftliche Arbeitsweise für die Praxis nicht geeignet ist. Diese Probleme trifft man auch in den Wirtschaftswissenschaften an:

  • Die wissenschaftliche Arbeitsweise verlangt nach genug Zeit, um sich mit allen nötigen Themen auseinander zu setzen. In der Praxis muss man aber mit einem knappen Zeitbudget umgehen.
  • Im Rahmen des wissenschaftlichen Arbeitens sollte man unvoreingenommen arbeiten. Das gilt auch für mögliche Lösungen – man sollte alle Lösungsalternativen als gleichgewichtig betrachten. In der Praxis hat man aber oft praktische Restriktionen, die zu einer Verzerrung gegenüber einer oder mehreren Möglichkeiten führen.
  • Um wissenschaftlich zu sein, sollte man die besten Methoden und die aktuellsten Daten einsetzten. In der Praxis reich oft eine pragmatische Lösung.
  • Idealerweise forscht ein Wissenschaftler nur wegen der Forschung – sprich, er versucht einfach ein Problem zu lösen und hat keine Nebenziele. In der Praxis muss man an die Zufriedenheit des Kunden denken, an das eigene Unternehmen und nicht zu letzt auf die eigene Karriere ;-).

Ich könnte noch weitere Widersprüche finden. Warum lernt man dann überhaupt die wissenschaftliche Arbeitsweise? Nur wegen der Abschlussarbeit? Lehrt die Uni nur für die Uni und nicht fürs (Arbeits-) Leben?

Es ist meine persönliche Überzeugung (und jeder darf gerne widersprechen), dass das wissenschaftliche Arbeiten und schreiben auch Anwendung in der Praxis hat, wenn auch nicht immer eine direkte. Wenn jemand nach dem Studium in einer Forschungsabteilung einer Firma arbeitet, kommt er dem wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben auch in der Praxis schon recht nah. Für den Rest geht es eher um den Transfer ausgesuchter Fähigkeiten in die Realität der Praxis. Ich bin der Meinung, dass folgende Fähigkeiten besonders wertvoll sind:

  • Beim wissenschaftlichen Arbeiten lernt man es, methodisch vorzugehen. Auch in der Praxis sollte man nicht einfach aus dem Bauch entscheiden, sondern sich systematisch an ein Ergebnis heran arbeiten. Natürlich kommen in der Praxis oft auch „Abkürzungen“ von Arbeitsprozessen zum Einsatz, die in der Wissenschaft unzulässig wären.
  • Besonders wichtig beim wissenschaftlichen Arbeiten ist die kritische Auseinandersetzung mit Ideen und Fakten. Dieser Punkt wird oft vernachlässigt. Viele Studierende haben auch nicht den Mut zu kritisieren und verschiedene Meinungen gegeneinander auszuspielen. Die Fähigkeit, auch eingefahrene Abläufe und ausprobierte Ideen kritisch zu hinterfragen, ist auch in der Praxis wichtig. Denn die Welt ändert sich und man darf ja nicht immer alles gleich machen, bloß weil es „schon immer so gemacht wurde“.
  • Beim wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben lernt man es, sich in eine Thematik schnell einzuarbeiten, Quellen in verschiedenen Medien zu suchen und zu Systematisieren. Ich glaube, sowas kann man eigentlich immer – nicht nur im Beruf – gebrauchen.
  • Und schließlich lernt man es, strukturiert zu schreiben. Die wissenschaftliche Schreibweise selbst ist natürlich etwas Praxisfern, mit dem nervigen Zitieren, pedantischen Formalia und unnötiger Darlegung der gesamten Arbeitsweise ;-). Aber die Fähigkeit, komplexe Themen strukturiert darzustellen auf einer begrenzten Seitenzahl wird man in der Praxis sicherlich noch brauchen.

Ich bin eigentlich der Meinung, dass man an der Uni viel zu wenig schreibt. Ich würde in vielen Veranstaltungen die Anfertigung von Hausarbeiten der Klausur vorziehen. Denn die Sachen, die man für eine Klausur gelernt hat sind oft ein Paar Wochen später vergessen. Aber (so meine Erfahrung), man erinnert sich noch Jahre später, was man für die eigene Seminararbeit gelesen hat, denn damit hat man sich viel intensiver auseinandergesetzt.

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