„Wie Kooperation unter Egoisten entsteht“

Am 25.03.2009 fand im Rahmen der Frühjahstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ein Vortrag zum Thema „Wie Kooperation unter Egoisten entsteht“ statt. Der Vortragende, Prof. Dr. Martin Nowak, ist Professor für Mathematik und Physik an der Harvard University. Zu sagen, dass der Vortrag gut besucht war, wäre noch etwas untertrieben. So voll habe ich Audi Max nicht einmal bei der letzten Buchführungsveranstaltung erlebt, in der Stoffabgrenzung für die Klausur angesagt wurde. Die Veranstalter haben mit vielen Besuchern gerechnet und eine Live-Übertragung ins HSZ 02 vorbereitet. Diese war dann aber am Ende fast nicht nötig, zumindest nach dem die Audi Max Zuschauer etwas zusammengerückt sind.

Prof. Nowak ist (denn Erwartungen entsprechend) ein begabter redner, obwohl er gleich am Anfang das Publikum daran hingewiesen hat, dass er wenig Erfahrung mit Vorträgen auf Deutsch (in seinem Falle Österreichisch) hat. Am Anfang sprach er sein Forschungsgebiet – evolutionary dynamics – an und erklärte es als mathematische Erklärung biologischer Prozesse.  Dann wurden wichtige Begriffe und Grundprinzipien der Evolution (evolution, mutation, selection) thematisiert. Kooperation wurde als Beziehung zwischen einem donor (gets the benefit) und einem recipient (pays the costs). In diesem Zusammenhang wurde „Gefangenendilemma“ als zentraler Paradoxon der Spieltheorie vorgestellt. Das Verhalten aus dem Gefangenendilemma – die Durchsetzung des eigentlich ineffizienten Verhaltens (Nash-Gleichgewicht) – ist auch in der natürlichen Selektion nachweisbar. Diese Ineffizienz kann durch Kooperation umgangen werden. Im Vortrag wurden fünf Kooperationsstrategien vorgestellt:

  • Kin selection beschreibt die Interaktion zwischen genetischen Verwandten (siehe auch Hamilton’s rule).
  • Direct reciprocity basiert auf dem Prinzip „I help you, you help me“. In diesem Falle kommt es zur Wiederholung des Gefangenendilemmas. Dadurch werden die akteure zu Kooperation motiviert, da sie später selbst Unterstützung von anderen brauchen könnten. Aus Sicht der Spieltheorie gibt es hier verschiedene Strategien, die man als rationaler Spieler annehmen kann (tit-for-tat, generous tit-for-tat, always cooperate, always defect etc.)
  • Im Falle von indirect reciprocity geht man davon aus „I help you, somebody helps me“. Hier hängt die Strategie eines Spielers gegenüber einem Spielpartner auch von dem Verhalten des Partners gegenüber Dritter ab. Bei indirect reciprocity spielt Informationsaustausch unter den Spielern eine wichtige Rolle, was zur Entwicklung einer sozialen Intelligenz führt, die nur durch Sprache möglich wird.
  • Bei graph selection (siehe auch network selection) geht man von einer strukturierter Bevölkerung aus – also von einem sozialem Netzwerk. Die Kooperation hängt hier von der Einbindung der Spieler im Netzwek ab.
  • Bei group selection agieren die Spieler nicht in Netzwerken, sondern in Gruppen.

Laut Prof. Nowak sind bei der Untersuchung von Kooperationsverhalten bei Menschen die Faktoren repetition und reputation eine wichtige Rolle. Daher spitel hier insbesondere die direct und indirect reciprocity eine wichtige Rolle.

Darüber hinaus sprach Prof. Nowak zwei weitere Forschungsthemen an: cooperation in phenotype space und evolutionary set theory. Mehr über die Arbeit von Prof. Nowak ist z.B. hier nachzulesen.

Alles in allem, war das ein sehr interessanter Vortrag für Wirtschaftswissenschaftler (aber bestimmt nicht nur für sie). Hier wurden die uns bekannten Spieltheorie in einen etwas anderen Zusammenhang gebracht. Für alle, die sich mit Aspekten von Zusammenarbeit befassen, kann ein Auseinandersetzung mit solchen theoretischen Grundlagen von Interessen sein. Da mich spezielle Aspekte der Motivation zu Zusammenarbeit interessieren, werde ich wohl auf die Werke von Prof. Nowak einen Blick werfen :-).

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2 Gedanken zu „„Wie Kooperation unter Egoisten entsteht““

  1. Ich glaube, dass ein Vortragender aus Harvard schon hilft. Aber ich würde die Bedeutung der Tagung nicht unterschätzen. Soweit ich gesehen habe, ware viele – ich glaube die meisten – Anwesenden auch Tagungsteilnehmer.

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