Richtig Zitieren: Warum eigentlich (nicht) Wikipedia?

Aus studentischer Perspektive (und oftmals leider auch in fortgeschritteneren Stadien) erfolgt Literaturarbeit oftmals dergestalt, dass nicht anhand der verfügbaren Literatur der Stand der Wissenschaft inklusive Lücken und Widersprüchen aufgezeigt wird, sondern dass man zu seiner Arbeit die „passenden“ Artikel oder Textpassagen heraussucht. Da kann es schonmal vorkommen, dass eine dem eigenen Thema widersprechende Literatur weggelassen wird oder ein Abschnitt aus einer Quelle zitiert wird, ohne das man dem Hintergrund der Arbeit wirklich verstanden hat. Dies ist insbesondere dann problematisch, wenn man Begriffe verwendet, die je nach Grundverständnis unterschiedliche bis austauschbare Bedeutungen haben können. Als Beispiel dazu sei „Wissen“ und „Information“ genannt, was je nach Wissenschaftsrichtung oder „Schule“ des Autors ein komplett anderes Verständnis bedeuten kann.

Nun gut. Die Problematik ist sicherlich einerseits dem Zeit- und Publikationsdruck des heutigen Wissenschaftsbetriebs und im besonderen Fall von Studenten sicherlich auch der fehlenden Sensibilisierung für die Thematik geschuldet. Sei’s drum.

Wenn nun aber schon für die eigene Studien-, Bachelor-, Diplom- oder Masterarbeit (und natürlich auch alle weiteren mit dem Anspruch einer eigenständigen wissenschaftlichen Arbeit) die „passende“ Literatur gesucht wird, gibt es ein paar Dinge, die man als Student beachten sollte.

Keine Wikipedia-Artikel zitieren

Sicherlich ist dieser Satz den meisten Studenten schon untergekommen. Aber bei der Frage nach dem warum, bekommt man eine Antwort wie „Weil es nicht wissenschaftlich ist.“. Betrachtet man nun bspw. mal die Ausführungen von Helena, so erkennt man, dass ein Beitrag in Wikipedia durchaus wissenschaftlich sein kann. Es gibt deshalb auch eine Diskussion, ob man Wikipedia zitieren darf oder nicht. Für den Studenten sollte sich somit nicht die Frage stellen, was man zitieren darf (denn an sich darf und muss man alles zitieren, was nicht eigenes Gedankengut ist), sondern die folgende Frage

Was kann ich aus der zitierten Literatur schlussfolgern?

Und hier kommen wir zur eigentlichen Problematik: Der Student muss verstehen, warum eine bestimmte Quelle eine höhere Qualität bedeutet und somit die eigene Aussage auch besser stützt als eine andere. Dafür ist es wichtig, das Prinzip des Peer Review (Peer Review bei Wikipedia) zu verstehen. Liegt ein Peer Review vor, bedeutet es salopp, dass die Publikation von einem unabhängigen Gutachter hinsichtlich ihrer Qualität überprüft wurde. Dazu kann es wiederum verschiedene Abstufungen geben, die bspw. durch die Anzahl und Qualtität der Gutachter bestimmt sind. Für eine studentische Arbeit (für andere natürlich auch) ist es nun sinnvoll, in erster Linie Literatur zu zitieren, die per Peer Review qualitätsgesichert wurde. Dadurch erspart man es sich, die zitierten Aussagen und Ergebnisse grundsätzlich in Frage stellen zu müssen. Zitiert man stattdessen eine Medium, welches dieser Qualitätssicherung nicht unterlag, muss man selbst die Qualitätssicherung übernehmen. D.h. man muss z.B. alle Aussagen und Aufbau der Argumentation im Einzelnen prüfen, man muss sicherstellen, dass alle notwendigen Einzelheiten einer Untersuchung offengelegt wurden (so dass sie wiederholbar ist) und kritisch nach Fehlern (Durchführung und Interpretation) suchen, usw..

Nun könnte man behaupten, bei bestimmten Quellen wie z.B. Wikipedia könnte man durchaus von einem (Peer) Review Prozess ausgehen, der durch das Prinzip des Wikis gegeben ist. Hier spielt einem jedoch gerade das nicht-statische Medium Wiki einen Streich. Wenn ich aus Wikipedia oder einer ähnlichen (Internet-)Quelle zitieren will, muss ich mir bewusst sein, dass jemand in der letzten Stunde den Artikel komplett geändert hat und der Review-Prozess also gar nicht gegeben ist. Somit müsste ich bei jeder zu zitierten Quelle untersuchen,

  • ob eine Diskussion zu dem Artikel stattgefunden hat,
  • ob die Diskussion abgeschlossen und der Artikel als gesicherter Konsens zu betrachten ist,
  • und ob die Diskussion/Qualitätssicherung von Experten/befähigten Gutachtern durchgeführt wurde.

Gerade der letzte Anstrich lässt sich nur bedingt beurteilen.
Zum Schluss ist anzumerken, dass nicht jede Publikation (so auch Wikipedia) den Anspruch erhebt, wissenschaftlich zu sein. Die wissenschaftliche Argumentation seiner Abschlussarbeit aber auf eine nicht-wissenschaftliche Quelle zu stützen, ist äußerst gefährlich.

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3 Gedanken zu „Richtig Zitieren: Warum eigentlich (nicht) Wikipedia?“

  1. Sollte man (unter Berücksichtigung der im Artikel genannten Auflagen) in Versuchung geraten, einen Wikipedia-Artikel zu zitieren, so sollte man als Quelle dann die jeweils zitierte Version des Artikels referenzieren. Dann kann der Artikel auch im Nachgang geändert werden, ohne dass das eigene Zitat seine Referenzierbarkeit einbüßt. (Den Link zur aktuellen Version findet man links im Wikipedia-Menü unter „Permanenter Link“).

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